Digitale Radio-Normen und Zukunftsaussichten

Von digitalem Radio hört man immer öfter in den Medien. Meist wird dann von einer speziellen Norm gesprochen und diese dann pauschal als die zukünftige Digitalradionorm bezeichnet. Aber es gibt sehr viele verschiedene Normen, die einander nicht verstehen (ähnlich Video2000 und VHS für Videorekorder). Seit 1989 wurde das Digitale Satelliten Radio "DSR" angepriesen, 1994 wurde sein wichtigster und erfolgsversprechendster Verbreitungsweg (TV-Sat-2) gekappt und am 15.Januar 1999 wurde es endgültig abgeschaltet. Derzeit und mindestens bis zum Jahre 2008 ist Astra Digital Radio das attraktivste System für den Radioempfang über Satellit in Deutschland, dem aber seit August 2005 von DVB-S auch in Deutschland der Rang strittig gemacht wird. Es gab oder gibt weitere Digitalradiosysteme (z.B. das franz. Alcatel-System) über Satellit, die aber wohl vorwiegend für Kabelzuführungen genutzt werden oder an spezielle Verbreitungswege gebunden sind. Außerdem gibt es in den USA zwei konkurrierende, mir aber nicht näher bekannte Systeme ("CD-Radio" und ...) für den kostenpflichtigen mobilen Empfang von Radio-Programmen via Satellit.

Auch in den über Satellit, Kabel und terrestrisch verbreiteten MPEG-Digital-TV-Paketen ("DVB" = "Digital Video Broadcasting") werden in zunehmenden Maße Radioprogramme verbreitet (terrestrisch bisher nur in Berlin/Brandenburg), die sogar zum Teil die auch von ADR verwendeteten Audio-Codec (MP2) nutzen, aber wegen des anderen Trägersignals auf Empfängerseite zu ADR inkompatibel sind. Über DVB verbreitete Audioprogramme sind allerdings immer an den Anbieter des TV-Paketes gekoppelt und werden demzufolge angebotsmäßig meist stiefmütterlich behandelt. Es gibt in einigen kostenpflichtigen Digital-TV-Paketen für lediglich an Nonstop-Berieselung interessierte Hörer einige Spartenkäle mit speziellen Musikrichtungen ohne Moderation und Werbung. Auch der Nachfolger des zwischenzeitlich in Konkurs gegangenen europäischen DMX-Ablegers nutzt jetzt unter dem Namen Xtra-Musik DVB und bietet für die ausschließlich kommerzielle Nutzung ein Paket solcher Spartenmusikkanäle. Waren die Geräte lange Zeit noch teuer, ist DVB inzwischen für den Fernsehempfang über Satellit inzwischen der anerkannte und etablierte Standard. Und da die Geräte erschwinglich sind ist DVB-S spätestens seit dem Start des ARD-Radiotransponders auch für den Radiohörer die beste Wahl. Die Unvollkommenheiten und fehlenden einheitlichen Standards bei einigen nützlichen zusätzlichen Ausstattungsmerkmale zur Programm-Navigation und Zusatzinfos -auch EPG=Electronic Programm Guide genannant- nimmt man inzwischen in Kauf...

Weiterhin ist DAB (=Digital Audio Broadcasting) stark in den Medien päsent. DAB ist entsprechend dem derzeitigen Technologiestand ausschließlich für den terrestrischen und mobilen Empfang geeignet (in Thüringen lief auch ein Versuch zur Weiterverbreitung im Kabel) und es laufen (bzw. sind geplant) in den meisten Bundesländern staatlich massiv subventionierte sogenannte Pilotprojekte um diese Technologie zu erproben. In Bayern und Baden-Würtemberg wurde bereits der "Regelbetrieb" deklariert.
Von DAB sind durchaus Empfangsverbesserungen der existierenden Programme speziell im Auto zu erwarten, aber die meisten Vorteile lassen sich auch durch intelligente Nutzung von RDS erreichen. Bedingt durch die begrenzt zur Verfügung stehenden Frequenzbereiche und die enormen Betriebs- und Gerätekosten, ist durch die daraus folgende Beschränkung der Anzahl der Kanäle leider eine weitere Monopolisierung der Programmanbieter statt einer Erweiterung des Programmangebotes zu erwarten. Bei der DAB-Förderung zeigt sich wieder einmal, wie unverhältnismäßig stark die Auto-Lobby subventioniert wird. Testgeräte in der Pilotphase gab es NUR für Autos (mit Ausnahme einer PC-Einsteck-Karte), interessant fände ich einen Walkmen für die Bahn oder das Fahrrad, aber da müßte lange Zeit ein Koffer verwendet werden, allerdings seit 2004 hab ich tatsächlich so einen DAB-Walkmen (ähnlich DABMAN1 von Technisat)....!
Staat und Industrie scheinen dort, wo sie besonders eng verquickt sind, wegen der über Jahre verschwendeten Förder- und Forschungsgelder ein massives Interesse am Pushen von DAB zu haben. Seit dem schnellen Erfolg von DVB-T in Berlin/Brandenburg u.a. Ballungsrämen ist die DAB-Lobby recht still geworden, man redet jetzt von "Neuorientierung" auf Erweiterungen wie DMB (Digital-MultimediaBroadcasting).

Auch in den USA wird/wurde(?) derzeit eine vergleichbare, aber zu DAB inkompatible, eigene Digitalradio-Norm (IBOC?) getestet/eingefürt, die allerdings im Gegesatz zu DAB nicht auf die Bereitstellung völlig neuer Frequenzbereiche angewiesen ist.

Und es gibt auch ein Projekt bzw. Unternehmen namens Worldspace welches schon seit mehreren Jahren erfolgreiche Versuche demonstriert hat, digitales Radio direkt vom Satellit an mobile Empfänger ohne Satellitenschüssel in relativ dünn besiedelte Gebiete auszustrahlen. Unterstützt wird dieses privat-kommerzielle Projekt von der Worldspace-Foundation, die mit diesem Medium in den meist minder entwickelten Gebieten die Bildung fördern will. Der erste Satellit dieser Serie, "Afristar" ist bereits seit 1999 in Betrieb, der zweite, der in Europa nicht empfangbare "Asiastar" wurde ebenfalls bereits erfolgreich gestartet und befindet sich im Testbetrieb. Es ist geplant, 2001 mit dem 3. Satellitenn, "Ameristar" die Satelliten-Flotte zu vervollständigen, die besonders die tropischen, dünn besiedelten Gebiete flächendeckend mit Radio-Programmen versorgen soll. Für Mittel- und Westeuropa dürfte diese Methode kaum relevant werden. Allerdings gibt es bereits Berichte über den erfolgreichen Empfang von Afristar in Deutschland, wobei der Süden eindeutig im Vorteil ist. Bleibt zu hoffen, daß Worldspace das Schiksal von "Iridium" (in Konkurs gegangener Betreiber eines globalen, Satelliten-gestützten Mobilfunk-Netzes) erspart bleibt, denn die Empfangsgeräte sind für die Zielgruppe doch recht teuer... Mit Einführung der Verschlüsselung für die meisten Programme ist man leider noch unattraktiver geworden...

Welche Normen sich durchsetzen, ist leider nicht eine Frage der Qualität, sondern entscheidet sich im globalen Wechselspiel zwischen Markt und Politik. So wurde DSR trotz seiner Spitzenqualität abegeschaltet. ADR wird zumindest mittelfristig (d.h. mindestens solange es analoges TV über Satellit gibt, die weitere Zukunft hängt dann von der Marktdurchdringung und der Politik der Programmanbieter ab) in den deutschsprachigen Ländern attraktiv bleiben.
Unterschiedliche Systeme könnten sicherlich auch auf lange Sicht ihre eigenen Existenzberechtigungen für ihre jeweiligen Verbreitungswege haben, denn auch Kurz-, Mittel- und Langwelle erfreuen sich trotz UKW weiterhin anhaltenden Interesses. Aber speziell beim Digital-Radio geht die babylonische Sprachverwirrung der verschiedenen Standards weiter. Denkbar wäre auch, daß der auf MPEG basierende DVB-Standard bei der Weiterentwicklung der Technologie und in einigen Jahren zu erwartenden attraktiv werdenden Preisen auch für die Verbreitung von Radioprogrammen auf allen bisherigen Verbreitungswegen genutzt wird, aber wer will regelmäßig seine Geräte wegwerfen (die Industrie scheint wegen diverser wirtschaftlicher Gesetzmäßigkeiten ein Interesse zu haben und die Politik läßt sich mit Erklärungen zum Abschalten der analogen Übertragungswege vor dessen Karren spannen...)???
Gelegentlich ziehem sich kommerzielle Anbieter aus Digitalplattformen zurück oder sind zögerlich. Das zeigt IMHO, daß auch einige Medien-Unternehmen erkennen, daß bei deren gleichartiger Berieselungspower ein Sättigungseffekt eintritt, bei dem sie ohne Investition in wirklich neue inhaltliche Konzepte nicht so wie erhofft verdienen können. Gelegentlich scheinen private Veranstalter dieses Dilemma neuerdings weniger durch Verbesserung und Spezialisierung seiner Angebote lösen zu wollen, sondern mehr durch gerichtliches Vorgehen gegen qualitativ höherwertige Konkurrenz der öffentlich rechtlichen Spartenkanäle. Und die politische Lobby diverser Konzerne von Bosch bis Philips versuchte lange Zeit, vermittelt durch die Landesmedienanstalten durch die Forcierung der DAB-Einführung nachträglich ihre für DAB bisher verschwendeten Entwicklungs- und Fördergelder rechtfertigen zu wollen...Inzwischen schweigt man sich dazu aus, legt im Norden den Rüwärtsgang bezüglich DAB ein, während man im Süden auf das nächste Desaster "DMB" zusteuert...

Art, Weise und Umfang der Nutzung digitaler Übertragungstechnologien durch die ARD für Radio und Fernsehen bestimmt IMHO hierzulande Erfolg oder Mißerfolg der digitalen Übertragungsstandards hierzulande.

Wer weiter im Netz nach anderen Veröffentlichungen rund um das Thema Digitales Radio suchen will, z.B. das Institut für Rundfunktechnik von ADR,ZDF,SRG und ORF bietet umfangreiche technische Informationen zu neuen Übertragungstechnologien.


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© Hagen Kliemann
letzte Änderung 31.12.05

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